N_MAGAZIN 3/2015


Selbstversuch: Schnelle Nummer

Alles muss heute rasant gehen und ökologisch korrekt sein: Für die schnelle Liebe gibt es die App Tinder, für das gute Gewissen den Nissan MICRA. Der Autor Tilo Mischke bringt zusammen, was scheinbar zusammenpasst. Oder doch nicht? Ein Zwölf-Stunden-Selbstversuch

Quelle: N_Magazin 03 / 2015
Text: Thilo Mischke / Illustration: Natascha Römer c/o die Kleinert

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Früher galt ein Kavalierstart an der Ampel noch als süße Geste, um auf sich aufmerksam zu machen. Früher brachten Kavaliere noch Rosen mit. Früher war die Welt noch eine andere, da gab es kein Online-Flirten. Heute gelten, was das Beeindrucken von Frauen betrifft, andere Regeln. Was damals mit Krach und Rauch erreicht wurde, schaffen heute frisierte Tinder-Profile. Tinder, das ist Flirten im 21. Jahrhundert. Schnell, unverbindlich und praktisch. Und das will ich. Schnell, an einem Tag, und praktisch, mit einem Nissan MICRAa), Frauen beeindrucken. Ich habe alles, was ich brauche: Auto, Handy und keine Scham. Und warum mit einem MICRA? Ich muss mich flink durch die Stadt bewegen – und außerdem ist heute ein Auto mit geringem Verbrauch smarter als ein Schluckspecht.

Um die App gibt es einen regel- rechten Hype: 8 Milliarden Matches wurden weltweit schon als potenzielle Treffer vermittelt – seit 2012. Knapp 800.000 Deutsche sehen bis zu sechs Mal am Tag auf ihr Telefon, um zu erfahren, ob es mehr Liebe gibt. Lindsay Lohan tut es angeblich, Katy Perry und Lily Allen auch. Und ich.

Wisch. Wisch. Wisch. Ich wische nach rechts, bis ich eine Frau finde, die mir gefällt. Elena. 24, Kunsthistorikerin. Ihre Profilbilder sind angestrengte Fotokompositionen. Scharfe Schatten gestalten ihr Gesicht markant. Unter Interessen finde ich Musik, die ich nicht kenne, und Künstler, die ich noch nie gesehen habe. Aber: Wir sind ein Match. Ein Treffer. Sie mag mich wohl, warum, weiß ich nicht. Auf meinem Profil stehe ich mit einem Frosch in der Hand an einem See, auf einem anderen Bild rauche ich Ringe aus meiner Nase.

„Hast du Lust auf eine Spritztour?“, schreibe ich als erste Nachricht. Ich komme schnell zur Sache, will sie mit dem normalsten Auto der Welt beeindrucken. Ein bisschen durchs spätsommerliche Berlin cruisen, danach steht mir der Sinn.

„Du Schwein!“, antwortet sie. Und ich bemerke die Doppeldeutigkeit meiner Anfrage. Und korrigiere mich. „Nein, nein, wirklich, mit einem Auto.“ Sie schickt ein lachendes Smiley. „Warum nicht?“, schreibt sie. Und will wissen, mit was für einem Auto. „Lass dich überraschen“, antworte ich ihr. Ohne dass ich es merke, will ich sie doch beeindrucken. Mit meinem MICRA.

Als ich mit dem Wagen vor einem Wohnhaus in Berlin-Friedrichshain zum Stehen komme, fängt Elena an zu kichern. „Ich dachte, du kommst jetzt mit einem Cabrio“, sagt sie, während sie ins Auto steigt, als würden wir uns schon ewig kennen. „Der Kleine steht dir aber“, sagt sie. Elena sieht so aus wie auf ihrem Tinder-Profil, der Schatten, den die Sonne ins Auto wirft, zeichnet ihr Gesicht markant.

Wir schweben in dem „Kleinen“ durch Berlin und unterhalten uns darüber, wie bescheuert Tinder ist. Wie dumm unsere Generation, wie verweichlicht die Männer und wie verzweifelt die Frauen sind. Obwohl die Themen traurig sind, lachen wir viel. Ihre Zähne glitzern hübsch. Ich finde sie attraktiv und will noch ein Date. Wir könnten jetzt Tandem fahren oder spazieren. Wir unterhalten uns so friedlich, dass die Art der Fortbewegung keine Rolle spielt.

Als ich sie zwei Stunden später am Alexanderplatz entlasse, will sie wissen, ob ich noch weitere Tinder-Dates haben werde. „Vielleicht“, sage ich.

Tinder ist einfach zu benutzen, so wie der MICRA. Nichts lenkt von der eigentlichen Funktion ab. Mit dem Auto sollen Familienmitglieder und Einkaufstüten von A nach B bewegt werden. Mit Tinder sollen Gefühle transportiert werden – unkompliziert und schnörkellos. Dass es gleich beim ersten Date klappt, hätte ich nicht gedacht.

Der Zigarettengeruch von Elena hängt noch im Auto, da öffne ich schon wieder die App auf meinem Telefon. Eine rote Zahl am Icon verdeutlicht mir: Meine manische Wischerei hat mir weitere Dates besorgt. Ganze fünf neue Matches. Daniela, eine Frau mit einem strasssteinigen T-Shirt. Rebecca, die 52-Jährige, die eine Weltreise macht und in Berlin beginnt. Martina, die sich gerade scheiden lässt, und Johanna, eine Stabhochspringerin. Zumindest denke ich, dass sie Hochspringerin ist. Auf jedem Bild, das sich auf ihrem Profil befindet, sehe ich sie über irgendetwas springen. Ich entscheide mich für sie, die Stabhochspringerin, und schreibe: „Lust auf eine Ausfahrt, keinen Bock auf die üblichen Erstes-Date-Treffpunkte?“ Die „Spritztour“ erspare ich uns diesmal. Johanna lässt mich warten. Bis in den späten Abend hinein. Dann die Antwort: „Klaro, jetzt?“

Es ist schon dunkel, als ich mit dem MICRA vor ihr halte. Sie verzieht ihr Gesicht. Sie mag mein Auto nicht so sonderlich. „Wollen wir zu Kaufland?“, sagt sie schroff und ich erschrecke. Innerhalb von Sekunden wird aus der heiteren Hopserin eine garstige Frau. Sie setzt sich missmutig neben mich. Grausamstes Schweigen von einer Ampelphase zur nächsten. „Findest du das Auto doof?“, frage ich. „Hier riecht es nach Rauch“, antwortet sie. „Ich finde Raucher doof“, sagt sie. Und ich schweige. „Ich dachte, du kommst mit einem coolen Schlitten“, gibt sie nach der zwölften Kreuzung zu. „Das klang so, als du zum Cruisen eingeladen hast.“ „Ich dachte, du wärst lustig“, sage ich. Und dann geht es ganz schnell. Sie will an der nächsten Ecke rausgelassen werden und wir verabschieden uns hölzern. „Vielleicht bis bald“, sage ich ironisch. Johanna ist ein klassischer Tinder-Fail, eine Person, die auf ihren Bildern verspricht, was sie nicht halten kann.

Es ist wie beim MICRA, lieber gleich sofort verstehen, worum es geht. Was das Auto kann, was es will. Nichts vormachen oder vorspielen.

„Lust auf eine weitere Spritztour?“, schreibe ich Elena. Sie antwortet sofort. „Immer doch. Aber danach ein Bier an der Tanke?“

Ich kurble die Fenster runter, lasse die letzte Sommernacht ins Auto und freue mich auf eine normale Frau, in einem normalen Auto.


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